Der Union Jack Bobber

Der Bobber, ein amerikanisches Relikt aus dem letzten Jahrhundert möchte man meinen und doch so stylish und in wie lange nicht. Ausgerechnet die Engländer, also Triumph gehen diesen Weg in einer serienmäßig nie dagewesenen Art und Weise und geben dem Kind auch gleich den richtigen Namen ,,Bonneville Bobber‘‘.
Es ist ein frühlingshafter Montagmorgen als ich mit dem Anhänger am Auto aufbreche um in Rosbach vor der Höhe eben diese neue Triumph abzuholen. Dabei gehen mir viele Gedanken durch den Kopf! ,,Brutal Beauty‘‘ haben sie dieses doch eher zierliche Motorrad Ende des letzten Jahres bei der Präsentation genannt. Brutal wohl eher ein Wort das zu einer V-Max oder Ducati Diavel passen würde, als zu diesem wassergekühlten Reihentwin mit 1200ccm und 77 PS Leistung. Vielleicht liegen die Brutalitäten ja versteckt im Detail, der 106NM die dieser ebenfalls als High Toque benannte Motor bei um die 4000 Umdrehungen drückt, wer weiß. Beim ersten Kontakt und Probesitz in der Frankfurter Werkshalle, am Abend der Vorstellung spürte man dieses gewisse Knistern in der Luft. Ein Knistern das hier etwas ganz Anderes, etwas Neues und unerwartetes die Motorradwelt bereichern wird. Und so kam es dann auch, denn eins jedenfalls ist schon vor der ersten Fahrt mit ihm klar, er ist ein bisher einzigartiges Seriendesignstück, was es so nur bei den Briten aus Hinkley zu kaufen gibt. Das Krad ist mit einer Menge Emotionen aufgebaut worden, toll gemachte Features wie der einstellbare, freischwebend über dem Hinterrad wirkenden Singlesitz und auch das nachempfundene Starrrahmendesign. Die Linien der Silhouette sind im Fluss von der Lampenspitze über die aus Metall gefertigten Schutzbleche, bis zum LED Rücklicht. Dabei integriert sich auch das schick gemachte, in der Neigung verstellbare und sehr klassisch anmutende Multiinstrument. Ja durchweg könnte man sagen hier wurden hochwertige Materialien verarbeitet. Sieht man mal von der Rücklicht- Nummernschildkombination am Heck ab. Da geht noch was…. Fast schon obligatorisch ist zu sagen das auch hier die Wasserkühlung, sowie der Kat ebenso sauber verlegt und versteckt wurde wie bei den restlichen klassischen Modellen der Baureihe.

Auf dem Rückweg beobachte ich das Motorrad dann immer mal wieder durch den Rückspiegel des Autos, genieße den Anblick und überlege mir wie sich dieses Bike wohl nun tatsächlich auf der Straße anfühlen wird? Zu Hause angekommen geht dann auch alles recht schnell vonstatten. Abladen, Mittagessen und ein kurzer Blick auf die Emails, bevor ich gefühlte Sekunden später in Motorradmontur auf ihm sitze und vom Hof fahre. Der Sattel fühlt sich im ersten Moment noch etwas ungewohnt an und sofort fällt mir auf das die Füße nicht so richtig ihren gewohnten Platz finden wollen. Naja stelle ich die Fersen eben auf dem Hitzeschutz des Auspuffs ab, dafür ist er ja wohl anscheins da. Sonst passt es aber und wie bei den letzten Triumphs die ich testen konnte üblich, passen auch hier die Längen- Größenproportionen zwischen meinen Armen, dem Oberkörper und der Maschine. Bodenkontakt ist bei einer Sitzhöhe von gerade mal 69cm selbstverständlich reichlich vorhanden und daher lassen sich die 228kg Gewicht auch einfach dirigieren.
Beim Fahren merkt man davon sowieso nichts mehr, denn erstens lenkt einen dabei der satt vor sich hin blubbernde Motor ab und zweitens geht es durch die Reifenpaarung 110-90/19 vorne und 150-80/16 hinten ganz lässig ums Eck. Avon sei Dank, die hierfür extra einen passenden Reifen angefertigt haben. Der Lenker ist gut gekröpft, könnte durchaus aber noch etwas breiter sein. Er unterstütz aber das ganze Konzept trotzdem sehr gut und wer mehr möchte findet es im After Market.
Die Stadt jedenfalls liegt schon mal hinter uns und durch seine verströmende Leichtigkeit beim Fahren gewöhne ich mich sehr schnell an den britischen Gentleman, während die frühlingshafte und mit Rapsfeldern übersäte Landschaft an uns vorbeigleitet. Kurve über Kurve geht es quer durch die erwachende Natur als wäre man auf einem Nackedbike und gar nicht auf einem flachen Bobber unterwegs. Doch was ist das? Gerade einmal 110km gefahren und schon beginnt die Tankanzeige im Cockpit vor mir zu leuchten. Hatte ich da etwa vergessen aufzutanken? Über den Taster am linken Lenkerende verschaffe ich mir im digitalen Bereich des Instrumentes Gewissheit. 5.0-5.3 Liter Verbrauch bei 9 Liter Tankinhalt ergibt eine Zahl die einem eine gesunde Pausenzeit förmlich auf diktiert. Nun gut, dem Konzept entsprechend ist der Bobber für die große Reise sowieso nicht gedacht, denn andere Bereiche meines Körpers melden sich ebenfalls ziemlich deutlich. So lässig und entspannt die Fahrerhaltung auch auf den Bildern aussehen mag, sie ist es nicht. Als Fahrer hat man eine ständige Anspannung im Schulter- Nackenbereich, die sich nach einer längeren Tour bemerkbar macht. Doch seis drum, nur Jammern auf hohem Niveau und ein anderer Fahrer wird es womöglich ganz anders empfinden. Heut ist ein wunderschön sonniger Frühlingstag und nach dem Tanken und einem Cappuccino geht es mit dem sportlichen cruisen weiter. Zwischen 2500 und 4000 Umdrehungen fühlt sich die Triumph stets füllig aber keineswegs brutal an. Das genügt um zügig voran zu kommen bevor diese Wooge bei 6100 Umdrehungen abebbt. Braucht es mehr? Nein da hier wie bei den anderen Modellen der Triumph Classics ganz klar das Augenmerk auf dem Drehmoment liegt. Dieser ist wirklich reichlich vorhanden auf den kurvigen Landstraßenstrecken.

Mittlerweile hat die Mittagssonne ihren Horizont überschritten und ich trete den Heimweg an. Aus Hirschhorn raus in Richtung Rothenberg kommen wir in den Kurvenflow dieser 20km langen Strecke. Das Vertrauen in das gut abgestimmte aber nicht groß einstellbare Fahrwerk verleitet zu der einen oder anderen flotteren Kurve, was die Fußrasten irgendwann mit einem sehr aggressiven schrabben über den Asphalt quittieren. Im Verhältnis zu anderen Maschinen dieses Genres muß aber gesagt werden, dass es lange dauert bis die Funken fliegen. Also wieder zurück in den Crusingmode. Und wo wir schon gerade mal bei Modes sind! Davon besitzt der Bobber 2.! Einen Road und einen Rain Mode beide sehr sauber auf ihre Einsatzzwecke abgestimmt, wie im Übrigen auch die abschaltbare und im Hintergrund arbeitende Traktionskontrolle. Das Gesamtpaket wird dann noch durch eine ABS unterstütze Bremse abgerundet. Modern eben. Die eine Scheibe am Vorderrad reicht hierbei durchaus, benötigt aber beim richtigen ankern eine ordentliche Handkraft wie sich im einen oder anderen Streckenabschnitt zeigt. Beinahe überflüssig zu erwähnen das die Weiten der Handhebel sich triumphüblich auch hier auf beiden Seiten serienmäßig einstellen lassen.

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Mit der langsam am Horizont untergehenden Sonne rolle ich durch die letzten gemäßigten Kurven zurück nach Hause. Genieße dabei noch einmal den Druck des hubzapfenversetzten und wassergekühlten Twins und das gelungene Design in den Schaufenstern die vorüberziehen. Der Klang aus dem 2 in 2 gebürsteten Edelstahl Auspuff unterstützt die gesamte Szenerie, denn tief sonor hallt es von den Häuserwänden zurück. Ein schönes Gefühl am Ende eines schönen Tages.

Mein Fazit am Ende der Testzeit lautet:
Die Brutal Beauty ist weniger brutal als vielmehr eine echte Beauty, mit Ecken und Kanten. Keine miesen oder fiesen Überraschungen vielmehr ein ehrliches modernes Motorrad mit dem Charme des letzten Jahrhunderts. Und das macht an und richtig Lust darauf sie zu fahren. Es verleiht dem Bobber neben seinem einzigartigen Design den dazugehörigen Charakter und macht ihn zu etwas Besonderem. Der Startpreis mit 12500 Euro entspricht dann auch dem gebotenen und wird durch das triumpheigne Zubehörprogramm bestens unterstützt. So lässt sich die Maschine prima für den eigenen Geschmack individualisieren. Der Blick muss also nicht immer über den großen Teich gehen, wenn es um die Leidenschaft geht mit einem Cruiser durch die Gegend zu fahren. Auch die Briten können das sehr gut, aber immer mit einem Blick auf der Tankuhr versteht sich. 😉

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LifeisaRide Torsten Thimm

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